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Karlsruhe

Warum der EU AI Act ab August 2026 die AI-Literacy-Pflicht zum Chefthema macht

5 Min. Lesezeit
820 Wörter
Vor 3 Tagen
EU AI act

Der EU AI Act ist die weltweit erste umfassende gesetzliche Regelung für künstliche Intelligenz. Sie trat am 1. August 2024 in Kraft und wird schrittweise wirksam. Während die Verbote für inakzeptable KI-Praktiken bereits seit Februar 2025 gelten, rückt der 2. August 2026 als nächster großer Meilenstein näher: Ab diesem Datum greifen zentrale Verpflichtungen für Hochrisiko-KI-Systeme. Für Führungskräfte in Deutschland bedeutet das, dass AI-Literacy nicht länger eine freiwillige Kompetenz, sondern eine strategische Verpflichtung ist.

Was der EU AI Act konkret regelt

Der AI Act verfolgt einen risikobasierten Ansatz. Er teilt KI-Anwendungen nach ihrem potenziellen Schaden für Menschen und Gesellschaft in verschiedene Stufen ein. Diese Einteilung entscheidet darüber, welche Pflichten Anbieter und Betreiber erfüllen müssen. Je höher das Risiko, desto strenger die Anforderungen an Transparenz, Dokumentation und menschliche Aufsicht.

Die vier Risikoklassen bilden das Fundament der gesamten Verordnung. Entscheidend ist, dass ein und dasselbe technische System je nach Einsatzzweck unterschiedlich eingestuft werden kann. Ein Sprachmodell, das im Kundenservice Standardfragen beantwortet, fällt in eine andere Kategorie als dasselbe Modell, wenn es Bewerbungen vorsortiert.

Risikoklasse

Beispiele

Rechtsfolge

Inakzeptables Risiko

Social Scoring, manipulative Systeme

Verboten seit Februar 2025

Hohes Risiko

KI in Personalauswahl, Kreditvergabe, Medizin

Strenge Auflagen ab August 2026

Begrenztes Risiko

Chatbots, Deepfakes

Transparenzpflichten

Minimales Risiko

Spamfilter, KI in Videospielen

Keine besonderen Pflichten

Die AI-Literacy-Pflicht nach Artikel 4

Ein oft unterschätzter Baustein der Verordnung ist Artikel 4. Er verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen dazu, für ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz bei ihrem Personal zu sorgen. Diese Pflicht gilt bereits seit dem 2. Februar 2025 und betrifft sämtliche Mitarbeitenden, die mit KI-Systemen arbeiten oder deren Betrieb verantworten. Es geht dabei nicht nur um technisches Wissen, sondern auch um das Verständnis von Chancen, Risiken und rechtlichen Rahmenbedingungen.

AI-Literacy umfasst mehrere Dimensionen, die Unternehmen bei der Schulung ihres Personals berücksichtigen sollten:

●      Grundlegendes technisches Verständnis von Funktionsweise und Grenzen der Systeme

●      Bewusstsein für Datenschutz, Bias und Fehleranfälligkeit von KI-Ausgaben

●      Kenntnis der rechtlichen Verpflichtungen aus dem AI Act

●      Fähigkeit, KI-generierte Ergebnisse kritisch einzuordnen und zu überprüfen

Das erforderliche Kompetenzniveau ist dabei nicht für alle gleich. Eine Sachbearbeiterin, die ein KI-Tool zur Textzusammenfassung nutzt, braucht ein anderes Wissen als ein Data Scientist, der Modelle trainiert. Sinnvoll sind deshalb rollenspezifische Schulungen, die Grundlagen für alle und vertiefte Inhalte für Spezialisten kombinieren. Wichtig ist außerdem die Dokumentation: Nur wer nachweisen kann, welche Schulungen wann stattgefunden haben, kann die Erfüllung von Artikel 4 gegenüber Behörden belegen.

Warum August 2026 der entscheidende Termin ist

Ab dem 2. August 2026 werden die Vorschriften für Hochrisiko-KI-Systeme nach Anhang III vollständig anwendbar. Dazu zählen Anwendungen in Bereichen wie Personalmanagement, Bildung, Strafverfolgung und kritischer Infrastruktur. Betreiber solcher Systeme müssen dann menschliche Aufsicht sicherstellen, was ohne geschultes Personal praktisch unmöglich ist. Damit verzahnt sich die AI-Literacy-Pflicht direkt mit den neuen Compliance-Anforderungen und wird zu einer Voraussetzung für den rechtskonformen Betrieb.

Führungskräfte stehen deshalb unter Zugzwang. Wer eine Hochrisiko-KI ohne kompetentes Personal einsetzt, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch Haftungsfragen und Reputationsschäden. Die Verantwortung lässt sich nicht an die IT-Abteilung delegieren, weil die Vorgaben Governance, Prozesse und Unternehmenskultur betreffen. Selbst Branchen, die KI nur am Rand einsetzen, sind indirekt betroffen. So nutzen etwa digitale Anbieter wie Yep Casino automatisierte Systeme, deren Regulierung ebenfalls in den Fokus rückt.

Der Termin ist auch deshalb kritisch, weil Aufbau und Nachweis von Kompetenz Zeit brauchen. Ein tragfähiges Schulungsprogramm entsteht nicht über Nacht, und die Umstellung auf dokumentierte menschliche Aufsicht erfordert oft mehrere Monate Vorlauf.

Welche Sanktionen bei Verstößen drohen

Der AI Act sieht empfindliche Strafen vor, die sich an der DSGVO orientieren und teilweise sogar darüber hinausgehen. Die Höhe der Bußgelder richtet sich nach Art und Schwere des Verstoßes sowie nach der Unternehmensgröße.

●      Verstöße gegen verbotene KI-Praktiken: bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes

●      Verstöße gegen sonstige Pflichten, etwa bei Hochrisiko-Systemen: bis zu 15 Millionen Euro oder 3 Prozent des Umsatzes

●      Falsche oder irreführende Angaben gegenüber Behörden: bis zu 7,5 Millionen Euro oder 1 Prozent des Umsatzes

Bei der Bemessung wird jeweils der höhere der beiden Beträge herangezogen, was gerade für große Konzerne die prozentuale Grenze relevant macht. Für kleine und mittlere Unternehmen sieht die Verordnung eine gewisse Verhältnismäßigkeit vor, entbindet sie aber nicht von der Grundpflicht. Neben den direkten Bußgeldern drohen zivilrechtliche Ansprüche geschädigter Personen sowie ein möglicher Vertrauensverlust bei Kunden und Geschäftspartnern.

Konkrete Schritte für Unternehmen in Deutschland

Die verbleibende Zeit bis August 2026 sollten Unternehmen nutzen, um systematisch Compliance aufzubauen. Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme aller eingesetzten KI-Systeme und deren Einordnung in die Risikoklassen. Anschließend gilt es, Zuständigkeiten festzulegen und Schulungsprogramme zu entwickeln. Eine enge Abstimmung zwischen Rechtsabteilung, IT und Geschäftsführung ist dabei unerlässlich.

Ein strukturiertes Vorgehen hilft, die Anforderungen fristgerecht umzusetzen und teure Nachbesserungen zu vermeiden:

  1. Inventarisierung sämtlicher KI-Systeme im Unternehmen

  2. Risikoklassifizierung nach den Vorgaben des AI Act

  3. Benennung verantwortlicher Personen und Definition von Governance-Strukturen

  4. Aufbau eines dokumentierten AI-Literacy-Programms für alle relevanten Mitarbeitenden

  5. Laufende Überprüfung und Aktualisierung der Maßnahmen

Besonders bei der Inventarisierung zeigt sich in der Praxis eine typische Hürde: Häufig sind KI-Funktionen in bestehende Software eingebettet, ohne dass sie den Fachabteilungen bewusst sind. Ein CRM-System mit automatischer Lead-Bewertung oder ein Bewerbermanagement mit Ranking-Funktion kann bereits unter den AI Act fallen. Eine gründliche Erhebung sollte deshalb auch Drittanbieter-Tools und Cloud-Dienste einschließen.



Foto von Max Schmidt

Max Schmidt

Lokaler Experte

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