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Leverkusen

Schloss Morsbroich besuchen: Barockes Wasserschloss & Kunstmuseum

8 Min. Lesezeit
1.432 Wörter
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Wer an Leverkusen denkt, hat vermutlich zuerst Bayer 04 oder den Chemiekonzern im Kopf. Dabei verbirgt sich im Stadtteil Alkenrath ein kulturelles Kleinod, das selbst viele Rheinländer überrascht: Schloss Morsbroich. Umgeben von einem weitläufigen Park und eingebettet in die Flusslandschaft der Dhünn, wirkt das barocke Ensemble wie ein Ruhepol inmitten der Großstadt. Was das Schloss so besonders macht: In seinen prunkvollen Räumen befindet sich eines der ältesten Museen für zeitgenössische Kunst in ganz Nordrhein-Westfalen.

Ob du dich für Architekturgeschichte interessierst, einen inspirierenden Nachmittag zwischen Skulpturen und Gemälden verbringen möchtest oder sogar nach einer außergewöhnlichen Location für deine Hochzeit suchst – ein Besuch in Morsbroich lohnt sich aus vielen Gründen. Dieser Artikel gibt dir alles an die Hand, was du für deinen Ausflug wissen musst.

Vom mittelalterlichen Rittersitz zum Barockschloss

Die Geschichte von Morsbroich reicht weit zurück. Erste urkundliche Erwähnungen stammen aus dem 14. Jahrhundert, als ein Ritter namens Johann Moyr von deme Broichge auf dem Gelände einen befestigten Hof besaß. Über die Jahrhunderte wechselte der Besitz mehrfach den Eigentümer und diente ab 1619 als Niederlassung des Deutschen Ordens.

Der entscheidende Wendepunkt kam 1774: Ignaz Felix Freiherr von Roll ließ die mittlerweile stark verfallene mittelalterliche Anlage vollständig abreißen und an ihrer Stelle ein elegantes Schloss im Rokoko-Stil errichten. Als architektonisches Vorbild soll dabei das bekannte Jagdschloss Falkenlust in Brühl gedient haben. Gleichzeitig wurde rund um das neue Gebäude ein Landschaftsgarten nach englischem Vorbild angelegt, der noch heute den besonderen Reiz des Geländes ausmacht.

Die napoleonische Zeit brachte turbulente Besitzerwechsel mit sich. Nach der Säkularisation 1803 ging das Anwesen in staatlichen Besitz über und landete schließlich über Umwege beim Kölner Bankier Abraham Schaaffhausen. Ab 1857 übernahm dann die Industriellenfamilie von Diergardt das Schloss und ließ es in den 1880er-Jahren um zwei Seitenflügel erweitern. Diese Anbauten prägen das Erscheinungsbild bis heute und verleihen dem Gebäude seine charakteristische U-Form.

Ein Pionier der modernen Kunst

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das beschädigte Schloss zunächst leer. Die Stadt Leverkusen mietete das Gebäude 1948 an, und nach einigen Überlegungen – zwischenzeitlich waren sogar ein Altersheim und ein Kinderheim im Gespräch – fiel die Entscheidung zugunsten der Kunst: Im Januar 1951 öffnete im Schloss Morsbroich ein Museum für moderne Kunst seine Türen. Es war damit eines der ersten Häuser in der gesamten Bundesrepublik, das sich nach den kulturellen Verwüstungen der NS-Zeit bewusst der zeitgenössischen und modernen Kunst widmete.

Dieser Gründungsgeist war programmatisch. In einer Zeit, in der das Kulturleben im Rheinland noch stark von den Nachwirkungen der zwölf Jahre dauernden künstlerischen Unterdrückung geprägt war, setzte Morsbroich ein deutliches Zeichen. Das Ziel: Die während des Nationalsozialismus als „entartet" verfemte Moderne wieder sichtbar machen und gleichzeitig den Blick auf die aktuelle Kunstproduktion richten.

Unter dem legendären Direktor Udo Kultermann erlebte das Haus in den 1960er-Jahren eine echte Blütezeit. Kultermann organisierte 1960 die weltweit erste Museumsausstellung zur monochromen Malerei und zeigte 1962 die erste umfassende Retrospektive des Werks von Lucio Fontana. Er holte namhafte Denker wie Theodor W. Adorno nach Leverkusen und machte Morsbroich zu einem Ort des intellektuellen Austauschs.

Sein Nachfolger Rolf Wedewer setzte diesen Weg fort und sorgte 1969 mit der Ausstellung „Konzeption – Conception" für einen weiteren Meilenstein: Es handelte sich um die erste Museumspräsentation weltweit, die sich explizit der Konzeptkunst widmete – einer Strömung, die bis heute die zeitgenössische Kunstproduktion maßgeblich beeinflusst.

Die Sammlung: Von Op-Art bis Nouveau Réalisme

Wer heute das Museum Morsbroich betritt, erwartet eine beeindruckende Bandbreite an Kunstrichtungen. Die über Jahrzehnte gewachsene Sammlung umfasst Gemälde, Skulpturen, Objekte und Arbeiten auf Papier, die alle wesentlichen Strömungen der Nachkriegskunst abdecken.

Besondere Schwerpunkte liegen auf der analytischen Malerei, dem Nouveau Réalisme, der Op-Art und der kinetischen Kunst. Werke von Künstlern wie Yves Klein, Piero Manzoni, Lucio Fontana, Andy Warhol, Louise Nevelson und Robert Motherwell gehören zu den Höhepunkten der Bestände. 2008 kamen 23 Arbeiten von Wolf Vostell als Dauerleihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen hinzu, die das Profil des Hauses weiter schärfen.

Die Ausstellungen wechseln etwa vierteljährlich und nehmen dabei regelmäßig Bezug auf den besonderen Charakter des Gebäudes. Die durchfensterten barocken Räume mit ihren Stuckdecken und zahlreichen Türdurchlässen sind keine neutralen White-Cube-Galerien – sie fordern die ausgestellte Kunst heraus und schaffen ein Spannungsfeld zwischen historischer Pracht und zeitgenössischer Ästhetik. Etwa die Hälfte aller Ausstellungen seit 2006 bezieht sich deshalb ganz bewusst auf das Schloss als architektonischen oder sozialen Raum.

Der Spiegelsaal: Prunkstück und Trauort

Das Herzstück des Schlosses ist zweifellos der barocke Spiegelsaal. Mit seinen verzierten Wänden, glänzenden Spiegelflächen und der aufwendigen Rokoko-Stuckdecke gilt er als die „gute Stube" der Stadt Leverkusen. Hier finden regelmäßig repräsentative Veranstaltungen statt – von Konzerten über Vorträge bis hin zu festlichen Empfängen.

Für viele Paare ist der Spiegelsaal aber vor allem eines: ein traumhafter Ort für die standesamtliche Trauung. Das Leverkusener Standesamt führt hier regelmäßig Eheschließungen durch, und die Nachfrage ist groß. Wer sich inmitten barocker Eleganz das Ja-Wort geben möchte, sollte frühzeitig reservieren. Im Anschluss an die Zeremonie bietet der angrenzende Schlosspark mit seinen alten Bäumen, Brücken und Skulpturen eine ideale Kulisse für Hochzeitsfotos.

Aktuell ist im Spiegelsaal auch ein bemerkenswertes Kunstprojekt zu sehen: Die Schweizer Künstlerin Andrea Wolfensberger hat im Rahmen der „Werkstatt Morsbroich 2022–26" ein skulpturales Ensemble geschaffen, das auf den Klangmustern gesprochener Worte basiert. Aufnahmen von Leverkusener Bürgerinnen und Bürgern, die ein klares „Ja" oder „Nein" formulierten, bilden die Grundlage der Arbeit – ein poetischer Verweis auf die vielen Trauungen, die hier stattfinden.

Der Skulpturenpark: Kunst unter freiem Himmel

Rund um das Schloss erstreckt sich ein großzügiger Park mit altem Baumbestand, der frei zugänglich ist. Zwischen verschlungenen Wegen und dem historischen Wassergraben entdeckst du verschiedene Skulpturen und Installationen, die das Museum im Laufe der Jahre dort platziert hat.

Die ursprünglich barocke Gartengestaltung hat sich über die Jahrhunderte verändert und wurde teilweise sich selbst überlassen. Seit einigen Jahren läuft unter dem Titel „Parklabyr" ein partizipatives Kunst- und Planungsprojekt, das den Park gemeinsam mit der Stadtbevölkerung neu denken will. Künstlerinnen und Künstler arbeiten zusammen mit Leverkusener Bürgerinnen und Bürgern daran, den verwunschenen Schlosspark für eine vielfältiger werdende Stadtgesellschaft zu öffnen.

Ein Spaziergang durch den Park lohnt sich zu jeder Jahreszeit: Im Frühling blühen Magnolien und Obstbäume, im Sommer laden schattige Plätze zum Verweilen ein, und im Herbst taucht das Laub der alten Bäume die Anlage in warme Farben. Im Winter, wenn Nebel über dem Wassergraben liegt, hat das Ensemble etwas fast Mystisches.

Praktische Informationen für deinen Besuch

Adresse: Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen

Öffnungszeiten: Das Museum hat in der Regel dienstags bis sonntags geöffnet. Der Park ist jederzeit frei zugänglich. Für aktuelle Öffnungszeiten und mögliche Sonderregelungen empfiehlt sich ein Blick auf die Website des Museums.

Eintritt: Der reguläre Eintritt für Ausstellungen liegt bei 8 Euro, ermäßigt sind es 4 Euro. Öffentliche Führungen finden sonntags um 15 Uhr statt und kosten 12 Euro inklusive Museumseintritt (ermäßigt 8 Euro). Historische Führungen, die durch das Gebäude und den Park führen und das frühere Leben im Schloss lebendig werden lassen, werden ebenfalls regelmäßig angeboten.

Anreise mit dem ÖPNV: Vom Bahnhof Leverkusen-Mitte fährst du mit der Buslinie 212 direkt bis zur Haltestelle „Museum Morsbroich". Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Eingang. Auch die Schnellbuslinien SB21, SB22 und SB42 halten in der Nähe.

Anreise mit dem Auto: Von der A3, Ausfahrt Leverkusen, folgst du der Beschilderung Richtung Morsbroich. Direkt vor dem Museumsgelände stehen kostenpflichtige Parkplätze zur Verfügung, die bei größeren Veranstaltungen allerdings schnell belegt sein können. Bei hohem Andrang empfiehlt es sich, auf Bus oder Fahrrad umzusteigen.

Barrierefreiheit: Der Spiegelsaal ist über einen Aufzug barrierefrei erreichbar.

Gastronomie und Shop: Im Schloss befinden sich ein Museumscafé sowie ein Museumsshop mit Kunstbüchern und Editionen.

Veranstaltungen und Programme für Familien

Neben den wechselnden Ausstellungen bietet das Museum Morsbroich ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm. Dazu gehören Workshops für Erwachsene und Kinder, Slow-Art-Führungen mit bewusstem Innehalten vor ausgewählten Werken sowie kreative Vermittlungsformate für Schulklassen und Kitas.

Für Kinder besonders spannend: das Programm „Schlossgespenster", bei dem junge Besucherinnen und Besucher mit einem symbolischen Schlüsselbund durch das Haus streifen und selbst entscheiden, welche Kunstwerke sie erkunden möchten. Das kostenlose Angebot findet regelmäßig statt und benötigt keine Voranmeldung.

Darüber hinaus nutzt die Stadt Leverkusen den prunkvollen Spielsaal des Schlosses für kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Lesungen. Im Sommer wird der Park zur Freiluftbühne für Open-Air-Events.

Warum sich der Besuch lohnt

Schloss Morsbroich ist kein gewöhnliches Museum und kein gewöhnliches Schloss. Es ist beides gleichzeitig – und genau in dieser Doppelrolle liegt sein Reiz. Die Spannung zwischen barocker Architektur und provokanter Gegenwartskunst, zwischen gepflegtem Schlosspark und experimentellen Skulpturenprojekten macht jeden Besuch zu einem vielschichtigen Erlebnis.

Nur rund 20 Kilometer nördlich von Köln gelegen, ist Morsbroich ein ideales Ziel für einen Halbtagesausflug. Kombiniere deinen Museumsbesuch mit einem ausgiebigen Spaziergang durch den Park, einem Kaffee im Museumscafé und – wenn du magst – einer der regelmäßig angebotenen Führungen, die sowohl die Kunstgeschichte als auch die bewegte Vergangenheit des Gebäudes selbst beleuchten. So erlebst du an einem einzigen Nachmittag Jahrhunderte rheinischer Geschichte und die pulsierende Kunstszene der Gegenwart.



Max Schmidt

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